Die besten Erfindungen sind manchmal so einfach und offensichtlich, dass man sich fragt, wieso sie nicht überall zum Einsatz kommen. Und dennoch sucht man den finnischen Geschirrtrockenschrank in deutschen Haushalten vergeblich.

30.450 Stunden. Auf diese Zahl kam Maiju Gebhard (1896 – 1986), als sie nachrechnete, wie viel Lebenszeit eine finnische Hausfrau in den 1930er-Jahren durchschnittlich mit Geschirrspülen verbrachte. Ihren Bericht in der Zeitschrift Teho schloss sie mit den Worten: „Das sind zehn Jahre am Stück bei 8-Stunden-Tagen. Das ist doch schockierend!“

Angespornt durch diese erschreckende Zahl machte die Hauswirtschaftslehrerin eine Erfindung, die nach ihrer Berechnung einer Hausfrau bis zu drei Stunden Arbeit am Tag einsparen sollte. Der astiankuivauskaappi ist ein Gebrauchsmöbel, das sich seit dem Zweiten Weltkrieg in fast jeder finnischen Küche findet. Angebracht über der Spüle, sieht der Geschirrabtropfschrank von außen wie ein normaler Küchenschrank aus. Anstelle von Regalbrettern hat er im Inneren aber kunststoffüberzogene Stahlgitter, in die das nasse Geschirr zum Trocknen sortiert wird. Über die Öffnung an der Unterseite des Schranks tropft das Wasser in die Spüle.

Maiju Gebhard widmete ihr Leben der Verbesserung der Arbeit finnischer Hausfrauen. Während des Krieges, als die Männer an der Front waren und die Frauen die schwere Arbeit verrichten mussten, entwickelte sie neue Hilfsmittel und Verfahren, wie eine Schulterstütze zum Tragen schwerer Lasten und einen Behälter für Bioabfälle, die die Arbeit erleichterten. Zudem ermöglichten die zeitsparenden Maßnahmen den Familien auch mehr gemeinsame Zeit.

Ein finnischer Haushalt zeichnet sich durch Pragmatismus aus. Das Geschirr wird nicht mit einem Schwamm, sondern einer Bürste gereinigt, wodurch die Hände nicht so oft in Berührung mit dem Spülmittel kommen, und zudem ist eine Bürste wesentlich hygienischer, weil sie einfacher zu reinigen ist und schneller trocknet. Und während der Geschirrtrockenschrank ursprünglich für Hausfrauen entwickelt wurde, profitieren heute auch die Hausmänner von ihm. Denn in Finnland ist es die Norm, dass die Hausarbeit gleichberechtigt zwischen den Partnern aufgeteilt wird.

Unsere finnische Freundin amüsiert sich jedenfalls immer prächtig, wenn sie Gäste aus Deutschland beim Abspülen beobachtet und sie mit einem nassen Geschirrtuch hantieren sieht. Warum hat sich diese clevere Lösung nicht auch in deutschen Haushalten durchgesetzt? Ein Grund könnte sein, dass das finnische Grundwasser, im Gegensatz zum deutschen, sehr weich ist und daher auf Geschirr und Besteck beim Trocknen an der Luft keine Kalkflecken zu befürchten sind.

Erste Skizzen zum Geschirrtrockenschrank fertigte Maiju Gebhard bereits 1920 an, die industrielle Fertigung begann schließlich im Jahre 1948. Da sich die umtriebige Dame ihre Erfindung nie patentieren ließ, konkurriert sie um den Titel der Erfinderin mit zwei Amerikanerinnen, die später jeweils eigene Versionen des Trockenschranks patentieren ließen. Am Ende ist es aber vielleicht gar nicht so wichtig, wer die Erste war, die auf diese simple, aber geniale Idee kam, viel entscheidender ist, dass das, was sich Maiju Gebhard gewünscht hatte, in Erfüllung ging. Nämlich viele tausend Stunden Zeitersparnis für finnische Frauen und Männer.