Auf der kleinen Insel Odderøya steht das neue Wahrzeichen der südnorwegischen Stadt Kristiansand. Das ehemalige Getreidesilo wurde durch aufwendige Umbaumaßnahmen in ein spektakuläres Museum und eines der innovativsten Kunst- und Kulturzentren Nordeuropas verwandelt.

Die 1930er Jahre waren für die Menschen vieler Länder eine harte Zeit. Der Börsencrash in den USA lag noch nicht lange zurück und auch in Norwegen stieg die Arbeitslosenzahl dramatisch an und zwang die damalige Regierung zum Rücktritt. Aber es gab auch Grund zur Hoffnung. In der südnorwegischen Stadt Kristiansand sollte ein Tiefwasserhafen gebaut werden, damit die aus Amerika ankommenden Schiffe nicht mehr in der Mitte des bestehenden Hafens ankern und die Passagiere mit kleinen Booten zum Pier gebracht werden mussten. Und auch die ortsansässige Mühle benötigte ein neues Lager für eigenes Getreide und importierten Weizen. Beides versprach die Aussicht auf Arbeitsplätze. Und so wurde der junge Architekt Arne Korsmo mit dem Bau einer Siloanlage nach nordamerikanischem Vorbild beauftragt. Das innerhalb von drei Wochen gebaute und 1935 fertiggestellte Silo mit 15 je 38 Meter hohen Röhren aus Stahlbeton war in Kristiansand das erste Gebäude im Stil des Funktionalismus und entwickelte sich zu einem Wahrzeichen der Stadt.

Vieles hat sich seitdem in Kristiansand verändert. Aus den einst 18.000 Einwohnern wurden knapp 100.000, und der Naturhafen, der durch die vorgelagerten Inseln gut geschützt ist, hat seine einstigen Umschlagskapazitäten eingebüßt und empfängt stattdessen heute gewaltige Kreuzfahrtschiffe. Aber eines ist gleichgeblieben: Das markante Gebäude, das sich hoch über dem Wasser erhebt und dessen weiße Fassade sich wabernd auf den Wellen spiegelt, scheint noch immer über die Meeresbucht zu wachen. Aber wo einst bis zu 15.000 Tonnen Getreide gelagert werden konnten, hängen heute wertvolle Kunstwerke.

Im Jahr 2015 stiftete Nicolai Tangen, ein norwegischer Hedgefondsmanager und Leiter des Staatlichen Pensionsfonds Norwegens, seiner Heimatstadt Kristiansand einen großen Teil seiner privaten Kunstsammlung, die nordische Kunst von den 1930er Jahren bis heute beinhaltet. Zu diesem Zeitpunkt war das Getreidesilo bereits vor Jahren stillgelegt worden und stand seit 2010 unter Denkmalschutz. Und da ehemalige Fabrikgebäude und Lagerhallen gerne für zeitgenössische Kunst genutzt werden – erlauben sie doch nicht nur interessante Raumnutzungen, sondern bieten auch Platz für großformatige Werke – war schnell ein neuer Verwendungszweck für das einstige Getreidesilo gefunden.

Im Zuge der Neugestaltung wurde der ganze Küstenstreifen verwandelt, sodass das Kunstsilo eingerahmt wird von dem Konzert- und Kulturhaus Kilden und einem exklusiven Wohnviertel. Für norwegische Verhältnisse herrscht hier ein mildes Klima, vor allem an warmen Sommertagen liegen hier die Badenden dicht an dicht auf den Holzplanken der Bootsanleger, über die die luxuriösen Wohnblocks verfügen, und damit schon auf den ersten Blick deutlich machen, dass sich hier vermutlich eher die besser situierten Norweger niedergelassen haben.

Das Kunstsilo ist nicht der einzige aufsehenerregende Museumsbau, der in jüngster Zeit in Norwegen entstanden ist. In Oslo finden sich mit dem Munchmuseet und dem Nasjonalmuseet zwei weitere spektakuläre Bauwerke der neueren Zeit. Nun hat auch Kristiansand seinen besonderen Ort, der nicht nur Kunstinteressierte begeistern wird, sondern auch für Architekturenthusiasten einiges zu bieten hat.

Angesichts der gigantischen Umbaumaßnahmen und der beeindruckenden Ausstattung klingen die Baukosten von rund 60 Millionen Euro beinahe bescheiden, verglichen mit den teils explodierenden Kosten anderer moderner Museen.

Schon kurz nach Betreten des Gebäudes, stehen Besucher unvermittelt im Herzen des Kunstsilos. Aus den miteinander verbundenen Betonröhren wurden Teile herausgeschnitten, sodass eine 21 Meter hohe, an eine Kathedrale erinnernde Halle entstanden ist. Löst man für einen kurzen Moment seinen Blick von der imposanten Architektur, dann wird man merken, dass man mit dem Staunen nicht allein ist. Die meisten Besucherinnen taumeln, die Köpfe im Nacken, den Blick fasziniert nach oben gerichtet, staunend durch die Halle, an deren Decke noch die Reste der durchtrennten Zylinder an den einstigen Getreidespeicher erinnern. An eine hochaufragende Wand werden schwarzweiß Fotos vergangener Zeiten projiziert, die vom Bau und Nutzen des Gebäudes erzählen. An den Seiten der Betonhalle erheben sich drei Stockwerke mit offenen Galerien, in denen bereits erste Blicke auf die Ausstellungsexponate erhascht werden können.

Das Museum beherbergt drei ständige Ausstellungen, darunter die Tangen-Sammlung, die weltweit größte Sammlung nordischer Moderne. Neben regionalen Kunstwerken sind hier auch international bekannte Künstler wie Edvard Munch vertreten. Ein großer Raum ist erfüllt von animierten Projektionen eines Gemäldes aus dem Jahr 1911 von Amaldus Nielsen. Das Wasser des Baches plätschert, ein Vögelchen erhebt sich von einem Zweig, sobald sich die Besucher nähern. Über den Mehrwert solch teurer und aufwendigen Installationen darf man geteilter Meinung sein, können sie doch in den seltensten Fällen dem Originalgemälde, das auch hier gleich im Nebenraum hängt, etwas hinzufügen.

Im Gegensatz zu anderen Museen, in denen die ausgestellten Werke häufig nach den Herkunftsländern der Künstlerinnen und Künstler geordnet sind, wird hier bewusst auf diese Sortierung verzichtet. Das verbindende Element der gezeigten Kunstwerke soll das „Nordische“ sein. Auch eines der Schlüsselwerke der norwegischen Konzeptkunst ist hier zu finden. Für ihr "Gjerdeløa"-Projekt zerlegte die Künstlerin Marianne Heske eine traditionelle norwegische Holzhütte und setzte sie auf der Biennale in Paris 1980 wieder zusammen. Was eigentlich als zeitlich begrenztes Kunstprojekt geplant war, ist nun eindrucksvoll unterhalb der klaffenden Löcher der aufgeschnittenen Betonröhren inszeniert.

Wer nach so vielen Eindrücken und Kunst eine Verschnaufpause braucht, wird in luftiger Höhe fündig. Auf dem Kunstsilo befindet sich eine Bar. Von der verglasten Terrasse lässt sich zur einen Seite hin ganz Kristiansand überblicken, zur anderen Seite reicht der Blick über das Meer hinweg bis zum Horizont. Das Museum steht damit im wahrsten Sinne des Wortes zwischen zwei Welten und muss den Spagat schaffen, sowohl das heimische Publikum mit national bedeutenden Künstlern zu begeistern als auch internationale Besucher anzulocken. Die erst im Dezember 2025 erfolgte Auszeichnung mit dem renommierten Architekturpreis Prix Versailles World Titel, der jedes Jahr das schönste Museum der Welt kürt, dürfte dabei helfen.