
Kreisen die Gedanken um Finnland, dann denken viele an Saunen und Seen. Aber in dem nordischen Land gibt es nicht nur eine Vielzahl an tiefblauen Gewässern und eine unüberschaubare Menge an Schwitzhütten, sondern, auf die Einwohnerzahl gerechnet, auch die meisten Heavy Metal Bands der Welt. Aktuell sind es rund 2000 aktive. Und um dieser musikalischen Vorliebe Rechnung zu tragen, hat Finnland vor ein paar Jahren sogar sein eigenes Heavy-Metal-Emoticon vorgestellt.
Aber Finnland ist auch bekannt für seine kuriosen Wettkämpfe. Neben Gummistiefelweitwurf und Frauentragen kann man sich auch im Erschlagen von Stechmücken messen. Und einmal im Jahr wird beides vereint: die Leidenschaft für Kurioses und die Liebe zur harten Gitarrenmusik. Im Spätsommer lädt Oulu zu einem besonderen Musikfestival, das ganz ohne Instrumente auskommt.

Die Air Guitar World Championships sind eine der international bekanntesten Veranstaltungen Finnlands und Medienvertreter aus der ganzen Welt berichten mittlerweile über das bunte Treiben. 2025 nahmen Enthusiasten aus 13 Ländern teil und manch einer nahm eine kleine Weltreise auf sich, um Teil dieses Ereignisses zu sein.

Wer auf die große Bühne möchte, muss sich im Vorfeld bei einem der weltweit stattfindenden nationalen Wettkämpfe qualifizieren, oder die allerletzte Chance am Abend vor dem großen Finale ergreifen, und die Jury und das Publikum bei der Dark-Horses-Qualifikation im kleinen Nachtclub 45Special in Oulu von sich überzeugen.

Die Idee zu den Air Guitar World Championships, die 1996 zum ersten Mal ausgetragen wurden, stammt von dem finnischen Musiker Jukka Takalo. Beim Imitieren des Gitarrenspiels ist fast alles erlaubt, Requisiten und Kostüme ebenso wie die Verwendung einer elektrischen oder akustischen Luftgitarre. Nur echte Instrumente sind tabu.

Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer hat 60 Sekunden Zeit, alles zu geben. Die Mädels und Jungs legen sich völlig ungeniert richtig ins Zeug und manch ein Auftritt ist so überzeugend, dass man förmlich die Gitarren zu sehen glaubt. Die Luftgitarren-Weltmeisterschaft ist laut und schrill und äußerst unterhaltsam. Man könnte die Veranstaltung leichtfertig als das Treffen von ein paar Verrückten abtun, aber die Air Guitar World Championships sind mehr.
Hier in Oulu wird die Vielfalt mit einem Lächeln gefeiert. Jeder ist eingeladen, mitzumachen, völlig unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung oder sozialem Status. Beim Luftgitarrespielen sind alle gleich und es werden weder ein teures Musikinstrument noch Vorkenntnisse benötigt. Auch wenn Showtalent und Rhythmusgefühl sicherlich nicht von Nachteil sind.

Die gute Laune der Protagonisten ist ansteckend und überträgt sich schneller auf das Publikum als die Künstler die durchsichtigen Saiten ihrer imaginären Gitarren schlagen können. Von subtil bis ausgefallen reichen die Kostüme und bieten auch Platz für das ein oder andere politische Statement.
Eine fünfköpfige Jury, die aus Fachleuten aus den Bereichen darstellende Kunst und Kultur besteht, nimmt die Darbietungen genau unter die Lupe. Und dann werden Originalität, Bühnenpräsenz, künstlerischer Ausdruck und „Airness“ bewertet.
Die illustren „Musiker“ hören auf Namen wie Pink Passion, Leonfire, Danasaurus Rex, van Airhoven, Ichabod Fame oder Six String Sal, und manch einer hat über die Jahre eine eingeschworene Fangemeinde um sich versammeln können. So wie der Lokalmatador Aapo „The Angus“ Rautio. Aapo, dessen Spitzname auf den legendären AC/DC-Gitarristen Angus Young verweist, ist selbst Musiker und er nimmt seit seinem zehnten Lebensjahr an den Air Guitar World Championships teil.
2025 war er nach der finalen Runde punktgleich mit seinem Mitstreiter Yuta „Sudo-Chan“ Sudo aus Japan. Und so mussten sich die beiden erneut in einem „Air-Off“ messen und gegeneinander antreten. Mit hauchdünnen 0,1 Punkten Vorsprung konnte sich schließlich Aapo durchsetzen und holte nach einer 25-jährigen Durststrecke zum ersten Mal wieder den Titel nach Finnland. Im Jahr 2000 war dies mit Markus Vainionpää alias „Black Raven“ zum letzten Mal einem Finnen gelungen.

Aapo, der mit seiner „The Angus“-Kunstfigur Assoziationen zu Heath Ledgers Joker Interpretation weckt, war nach seinem Titelgewinn nicht nur sichtlich gerührt, sondern auch körperlich gezeichnet. Der volle Körpereinsatz bei seinem Auftritt forderte seinen Tribut, wie er später mitteilte: „Meine Beine schmerzen. Ich habe einen blauen Fleck am Knie, so groß wie eine Orange. Mein Rücken tut weh. Meine Ohren klingeln.“ Aber im Moment seines Triumphes, als er seinen Preis, die maßgefertigte Gitarre „Flying Finn“, dem Publikum entgegenstreckt, scheint all das vergessen.

Und auch wenn die Air Guitar World Championships ihr hehres Ziel, den Weltfrieden, jenen schönen, aber unerreichbaren Traum der Menschheit, nicht verwirklichen werden können, so versteht sich die Luftgitarren-Weltmeisterschaft doch als hartnäckiger Gegenpol zu der teils bedrückenden Weltlage. Schließlich kann man keine Waffe halten, während man Luftgitarre spielt. Und gerade in Finnland, wo durch die Nähe zu Russland der Krieg wieder im alltäglichen Denken angekommen ist, ist das Motto dieses Festes nicht das schlechteste: Make Air, not War.


