Der braune Welpe blinzelt träge in die Nachmittagssonne. Durch seine halb geschlossenen Lider beobachtet er den kleinen Hof, in dem sonnenversengtes Gras zu wachsen versucht. Auf einmal schreckt er hoch. Ein zusammengerollter, feiner Holzspan ist ihm direkt vor die Pfoten gefallen. Direkt über ihm liegt auf zwei Böcken ein großer Eichenholzblock, aus dem die Form eines Grabkreuzes herausgeschält wurde. Über diesen beugt sich Dumitru Pop Tincu mit einem scharfen Schnitzmesser in der rechten Hand und produziert weitere Späne, die auf den Welpen herabregnen.

Tincu steht inmitten einer kleinen, offenen Werkstatt, deren Holzwände voll sind mit den verschiedensten Werkzeugen. All das hat er von seinem Meister Pătraș übernommen, als dieser im Jahre 1977 selbst auf einem der leuchtend blauen Holzkreuze des „Fröhlichen Friedhofs“ in Săpânța verewigt wurde, deren erstes er 42 Jahre zuvor geschnitzt hatte. Stan Ioan Pătraș erblickte 1908 in dem heute berühmten kleinen Dorf im äußersten Norden Rumäniens das Licht der Welt. Als Sohn einfacher Bauern besuchte er nur wenige Jahre eine Schule und mit seinen Kenntnisse des Lesens und Schreibens war es nicht allzu weit her; vieles hatte er sich einfach selbst beigebracht. So fällt es heute nicht immer leicht, seine Inschriften auf den Holzkreuzen zu verstehen, selbst wenn man des Rumänischen einigermaßen mächtig ist. Neben einigen Worten, die im modernen Rumänisch längst verschwunden sind oder dem lokalen Dialekt entstammen, baute Pătraș auch immer wieder kleine Schreibfehler oder eine eigenwillige Grammatik in die kurzen, prägnanten Gedichte über die Verstorbenen ein.

Im Alter von 27 Jahren begann er mit dem Schnitzen jener Grabkreuze, die ihn in den letzten Jahrzehnten weit über die Grenzen seines Heimatlandes berühmt gemacht haben. Er gilt als Naturtalent, der sich das Schnitzhandwerk selbst beigebracht hatte und es schaffte, dem Holz sehr treffende Portraits zu entlocken und Stimmungen dauerhaft einzufangen. Heute hängen viele seiner Werke, die nicht die Gräber des nahen Friedhofs schmücken, in dem kleinen Museum, in das sein Wohnhaus umfunktioniert wurde. Jürgen muss sich ein wenig bücken, um eintreten zu können. „Die alten Häuser haben immer sehr niedrige Türen, damit man den Kopf beugen muss und Demut zeigt, vor Gott und vor den Bewohnern des Hauses.“ Anamaria, die Tochter des aktuellen Holzschnitzmeisters Tincu, kommt aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus. Man merkt ihr an, dass sie die Geschichten nicht zum ersten Mal zum Besten gibt. Sie hält ihrem Vater den Rücken frei und sorgt gleichzeitig dafür, dass sein Lehrmeister nicht vergessen wird. Ob sie die Tradition eines Tages fortführen wolle, frage ich sie. „Oh nein“, lächelt sie. „Diese Arbeit ist viel zu schwer für eine Frau.“ Da der Schnitzer vom Sägen des Baumstamms bis zum fertig bemalten Grabkreuz alle Arbeitsschritte von Hand erledigt, wird wohl eher ihr Mann die Kunst weiterführen.  

Die bunten, reliefartigen Bilder auf den Grabkreuzen erzählen Geschichten vom Leben und Sterben. Ein Mann, der sich zu Tode getrunken hat. Ein kleines Mädchen, das von einem Taxi überfahren wurde. Gerade „fröhlich“ ist das nicht. Der Name des Friedhofs bedeute keineswegs, dass die Bilder und Gedichte, die die Verstorbenen beschreiben, immer lustig oder froh seien, erklärt Anamaria. Sie sind so, wie der Holzschnitzmeister sie erfahren hat. Stirbt jemand in Săpânța, so wird der Leichnam für drei Tage in seinem Haus aufgebahrt. Menschen aus dem Dorf kommen, um Abschied zu nehmen. Man sitzt beisammen, trauert, erzählt sich Geschichten über den Toten. Und in diesen Tage sitzt Tincu dann manchmal dabei, lauscht den Anekdoten und macht sich ein Bild. „Dabei entstehen meine Ideen für die Gedichte auf den Grabkreuzen“, sagt er. Hie und da kommen auch Aufträge aus dem Ausland, aus Amerika oder für einen Geschichtsprofessor aus Deutschland. „Aber warum heißt der Friedhof dann fröhlich?“, will ich von Anamaria wissen. „Es liegt an den Farben, dem Bunten, dem leuchtenden Blau der Grabkreuze.“

Dem Schrecken des Todes etwas entgegensetzen - das, so scheint mir, wollte Pătraș einst mit seinen bunten Grabkreuzen erreichen. Hier, in der kleinen Gemeinde Săpânța, begegnet man diesem Schrecken auch manchmal mit einer Totenhochzeit. Stirbt ein junger Mensch, der Möglichkeit jemals den Bund fürs Leben einzugehen beraut, so kleidet man ihn wie Braut oder Bräutigam. Der steag de nuntă, ein reich geschmückter Holzstab, der als Symbol für Männlichkeit und Stärke steht und bei keiner Hochzeit fehlen darf, wird statt mit den üblichen bunten Bändern mit schwarzen verziert. Wie bei einer normalen Hochzeit gibt es eine Prozession durch das ganze Dorf, die in der Kirche endet, wo die jungen Leute aus dem Ort, alle in Schwarz gekleidet, den Toten besingen.

 

Gerade schält Tincu Holzspäne aus dem Grabkreuz eines Pfarrers aus dem Ort. Von der Idee über die Skizze bis hin zum Schnitzen und Bemalen vergehen gut drei Wochen, bevor es sich zwischen all den anderen Kreuzen auf dem Friedhof, der unweit der Wirkungsstätte des Schnitzers liegt, einreihen wird. Während ich zwischen diesen hindurchstreife und versuche, die Besuchermassen, die vor allem im Sommer von der über die Landesgrenzen hinaus reichenden Popularität des „Fröhlichen Friedhofs“ angelockt werden, irgendwie auszublenden, kommt mir ein Gedanke: Viel mehr als für den Tod steht dieser Friedhof für die Dorfgemeinschaft von Săpânța, im Guten wie im Schlechten. Man lebt und hält eng zusammen, man lacht gemeinsam, man streitet. Und die Menschen kennen einander. Oder glauben zumindest einander zu kennen. Und so bleibt das von ihnen, was ein Holzschnitzer in ihnen gesehen, von ihnen gehört hat. Lustiges, Tragisches, Peinliches, Großartiges. „Bis heute hat sich noch niemand beschwert,“ schmunzelt der Meister.